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Der Versuch den Begriff  “Techno”  zu definieren

Hinweis: Die nachfolgenden Artikel stammen aus der Diplomarbeit eines leider unbekannten Autors.

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Die Techno-Kultur

Die öffentliche Meinungsbildung und Wahrnehmung aktueller Jugendkulturen ist in den meisten Fällen durch die Darstellung in den Medien wesentlich vorbelastet. Ständig begegnet man sich wiederholenden Vorurteilen gegenüber Jugendkulturen, die andauernd aktualisiert werden. So war die Hippie-Bewegung eine "Horde bekiffter und LSD-berauschter junger Menschen, die keine Lust hatten zu arbeiten und stattdessen wilde Orgien zusammen feierten". Das weitverbreitete öffentliche Bild der Techno-Szene könnte man ungefähr so beschreiben: DieTechno- Szene tanzt zu einer schwachsinnigen, künstlichen und monotonen Musik und steigert sich in sinnlose, ungesunde und lediglich durch Drogen ausgelöste Tanzexzesse hinein, die von Freitagabend bis Sonntagmittag andauern. Außerdem ist es eine künstliche Jugendkultur, eine von der Industrie gelenkte Massenmanipulation von Jugendlichen.

Im folgenden Kapitel soll die neben dem medialen Klischee real existierende Techno-Szene beschrieben werden, die mit geschätzten 1,5 Millionen aktiven Teilnehmern neben der "Hip-Hop"-Kultur die wichtigste der 90-er Jahre ist.

Die Anfänge des Techno

"Techno is music made by humans; in its most definitive forms it sounds like it is made by machines." (Mc Ready, J. in Feist, U., 1996,S.63)

Was ist das für Musik, die nach der Meinung einiger auch von Maschinen gemacht sein könnte? Ist es nur eine stumpfe und sinnlose Aneinanderreihung von synthetischen Tönen, oder steckt mehr dahinter? Klaus Schulze, der fast 50-jährige Pionier elektronischer Musik, und seit 25 Jahren Produzent unzähliger Veröffentlichungen in diesem Genre, beschreibt den heutigen Techno so: "Das ist ja fast genau das Gleiche, was wir in den siebziger Jahren gemacht haben, nur daß die Produzenten heute eine durchgehende Bassdrum darunterlegen." (Claus, C. in Rabes, M. / Harm, W., 1997, S.74). Diese durchgehende Bassdrum, die einen gleichmäßigen und stampfenden Rhythmus im 4/4 -Takt produziert, war Mitte der achtziger Jahre das revolutionäre Element im Bereich der elektronischen Musik.

Eigentlich beginnt die Geschichte des Techno bereits mit der Möglichkeit des Kaufes eines elektronischen Musikinstruments. Der bereits erwähnte Klaus Schulze bildete zusammen mit "Tangerine Dream" und der Gruppe "Kraftwerk" das Fundament elektronischer Musik, auf das sich fast jeder heute populäre Musiker dieses Bereiches beruft. Die 1968 gegründete Düsseldorfer Gruppe Kraftwerk definierte ab 1975 die Musik auf eine neue Art und Weise, als sie konventionellen Musikinstrumenten den Rücken kehrte und anfing, ihre Musik mit dem damals auf den Markt gekommenen "Moog-Synthesizer" vollsynthetisch zu komponieren. In den achtziger Jahren beschäftigten sich dann Musiker bzw. Produzenten mit den Möglichkeiten, die sich boten, wenn man zwei Platten nebeneinander laufen läßt, sie vom Tempo her aneinander angleicht und zwischen ihnen hin und her springt, um so einen neuen "Track" zu kreieren. Als dann die ersten Schlagzeugcomputer auf dem Markt erschienen, folgte die Idee, der Musik einen durchgehenden Beat zu verpassen und die einzelnen Lieder ineinander übergehen zu lassen, um so die Illusion eines einzigen, die ganze Nacht lang andauernden Stücks zu schaffen. So wurde der Person des Diskjockeys (DJ) eine ganz neue Bedeutung zuteil.

Als "Keimzelle" des Techno gelten die Städte Chicago und Detroit, Chicago mit einem eher vom Disco-Sound der siebziger Jahre beeinflußtem, Detroit mit einem etwas härterem und schnellerem Sound. Seltsamerweise war es gerade die Musik von Kraftwerk, in Deutschland lange Zeit nicht gerade erfolgreich, die im rezessionsgebeutelten Detroit großen Anklang fand und die von den Vorreitern der Szene wie Juan Atkins und Derrick May als Initialzündung bezeichnet wird, ohne die der heutige Techno wohl gar nicht existieren würde!

In Europa, genauer in England, begannen DJ's 1987 damit, Soul- und Funkanklänge aus Chicago sowie Techno-Anklänge aus Detroit zu verbinden und sie mit lang- gezogenen "fiependen und schrillen" Tönen zu verbinden. Die "Acid-House"-Welle wurde ausgelöst und schwappte auch in Form von Parties und gelben "Smileys" in allen erdenklichen Variationen nach Deutschland über. Diese Welle flaute allerdings genauso schnell ab, wie sie gekommen war. 1990 wurde dann das Geburtsjahr von Techno, wie man ihn heute kennt. Frankfurt am Main und Berlin kristallisierten sich als Zentren des neuen Sounds heraus und die ersten DJ's, die ihn auflegten, zählen heute noch zu den Führenden innerhalb der Szene (Westbam, Sven Väth, Dr. Motte). Viele Anhänger sorgten sich damals noch darum, daß Techno durch seine schnell einsetzende kommerzielle Ausschlachtung dasselbe Schicksal wie die einige Jahre zuvor populäre Neue Deutsche Welle ereilen könnte, nämlich das schnelle Verschwinden. Dem war aber keineswegs so.

Durch eine früh einsetzende Aufsplitterung der Szene in autonome kleinere Sparten und durch enormen Anklang und eine sich rasch verbreitende Popularität setzte sich Techno in der Musiklandschaft fest und ist zu einer eigenständigen Musiksparte geworden.

Die Unterarten von Techno

Aufgrund der Aufsplittung der Szene, der Variabilität dieser Musik und der Kreierung immer neuer Stile im Bereich der elektronischen Musik ist es heutzutage eigentlich unmöglich geworden, von der Techno-Musik zu sprechen. Die verschiedenen Stilarten werden eigentlich nur unter diesem Begriff zusammengefaßt. Zwar muß man bedenken, daß einige angeblich neue Unterarten lediglich von gewitzten Marketingstrategen erdachte Synonyme für bereits Dagewesenes sind, um die Umsätze anzukurbeln, aber insgesamt bestehen teilweise doch recht gravierende Unterschiede zwischen den Besuchern verschiedener Parties. Die einzelnen Gruppen und die damit auch verschiedenen Motive, eine Party zu besuchen, sind auch aus dem Blickwinkel sozialpädagogischer Arbeit zu betrachten. Deshalb beschreibe ich im folgenden einige der Unterarten des Oberbegriffes Techno. Hierbei einen Anspruch auf Vollständigkeit geltend zu machen, ist nicht möglich. Teilweise verzweigen sich die Gruppen im einzelnen noch weiter, teilweise ist es reine Interpretations - oder Ansichtssache, in welche Sparte ein Track eingeordnet werden müßte. Bei der Beschreibung beziehe ich mich einerseits auf den Vortrag von Dr. B. Richard, gehalten im Rahmen der Fachtagung "Ecstasy" zum Thema "Techno - Musik", andererseits greife ich auf eigene Erfahrungen mit der Musik und dem Publikum auf verschiedenen Parties zurück. Hauptunterscheidungsmerkmal der einzelnen Stile ist die Anzahl der Bass-Drum-Anschläge pro Minute, also die "Geschwindigkeit" eines Tracks. Diese wird im Allgemeinen mit der Abkürzung Bpm (Beats per minute) bezeichnet.

Trance

Trance ist wohl eine der wichtigsten und meistverbreiteten Unterarten des Techno. Sie wird als Trance bezeichnet, weil sie im Gegensatz zu einigen anderen Unterarten keinen besonderen Wert auf besonders hohe Geschwindigkeit legt, die Bpm-Zahl bewegt sich zwischen 120 und 170. Trance versucht vielmehr, den Hörer durch Einsatz von für das Ohr "wohlklingenden" sich oft wiederholenden Passagen in eben eine solche Trance zu versetzen.

"Trancezustände können durch viele Formen der Musik erreicht werden, meist sind es diese genialen Verbindungen von einigen wenigen Soundelementen, die die Zuhörenden durch ständige Wiederholungen auf andere Levels zu heben vermögen." Bekannte Vertreter der Trance-Musik sind Sven Väth, Cosmic Baby, Laurent Garnier und Gary D.

Breakbeat, Jungle, Drum and Bass

Bei diesen Spielarten erfolgt eine Form der Vermischung von Techno und HipHop. HipHop Rhythmen werden in ihrer Geschwindigkeit gepitcht, das heißt beschleunigt, und von stakkatoartigen Snare-Drum-Anschlägen untermalt. Kennzeichnend ist eine nicht durchgängige Bassline, die Bass-Drum-Anschläge werden vielmehr mit den Snare-Anschlägen zu einer auf den ersten Höreindruck ziemlich hektischen und unhomogenen Mischung verstrickt. Auch das Grundtempo des Breakbeats ist ziemlich hoch, die Bpm-Zahl liegt zwischen 60 (!) und 180.

Beim Jungle, der vor einigen Jahren eine großen Medien-Hype erlebte, wird diese Mischung noch durch Reggae-Anteile, teilweise mit vereinzelten Stimmen und / oder Gesang ergänzt.

Drum and Bass ist ein typisches Beispiel für die Einführung eines alten Produktes unter neuem Namen, was natürlich auch neue Käufer beschert. Im Grunde ist es nichts anderes als der beschriebene Breakbeat, lediglich etwas ruhiger und nicht ganz so hektisch. In einigen Tracks findet man sogar Merkmale der Jazz-Musik wieder (Saxophon, warme Frauenstimmen).

Acid

Acid-Musik ist mit 130 -160 Bpm zwar nicht besonders schnell, stellt aber dennoch eine eigene Untergruppe der Techno-Musik dar. In keiner anderen Unterart des Techno ist nämlich ein technischer Ausrüstungsgegenstand so wichtig wie der 303-Synthisizer von der Firma Roland für Acid. Mit diesem Gerät lassen sich Töne auf beliebige Art und Weise sowohl in ihrer Länge als auch in ihrer Höhe variieren, was den typischen "Sound" dieser Musik ausmacht. Man kann sie mit den Adjektiven schwirrend, hoch, zwitschernd und nervös beschreiben. Vertreter des Acid-Sounds sind Miss Djax und Ritchie Hawtin.

Gabber

Gabber gilt als die schnellste, aggressivste und extremste Form der Techno-Musik, weshalb sie in vielen Städten auch als "Hardcore-Techno" bezeichnet wird. Aufgrund seiner Schnelligkeit, die Bpm-Zahl beträgt 150-250, ist Gabber eigentlich gar nicht mehr tanzbar. Stattdessen werden Arme und Beine wie verrückt nach vorne geworfen, was diesem "Tanzstil" ein recht seltsam anzuschauendes Erscheinungsbild verleiht.

Gabber ist vor allem in den Niederlanden sehr populär, er gilt hier als Ausgleich zu der sonst meist recht ruhigen Musik auf Parties, auf denen meist House-Musik gespielt wird. Entsprechend der Geschwindigkeit der Musik ist Speed die unter den Gabber-Anhängern meistverbreitete Droge, anders läßt sich der anstrengende Bewegungsstil wohl auch nicht realisieren.

Obwohl die Techno-Szene im Allgemeinen als sehr gewaltfrei gilt, stellt die Gabber-Szene eine Ausnahme dar. Gerade unter den gewaltbereiten Anhängern der in deren Augen verfeindeten Fußballvereine Feynod Rotterdam und Ajax Amsterdam ist Gabber sehr beliebt, und diese Fehde wird des öfteren auf Gabber-Parties ausgelebt. Auch eine gewisse "Rechtslastigkeit" in der politischen Gesinnung kann man hier des häufigeren antreffen.

House

Die House-Musik hat ihre Wurzeln im Disco-Sound der siebziger Jahre. Obwohl sie heute eine eigenständige Sparte innerhalb der Techno-Musik ist, kann man sie als Vorläufer von Techno bezeichnen. Wie oben beschrieben gilt Chicago mit seinem House zusammen mit Detroit als "Geburtsstätte" von Techno. House ist von seinem Grundtempo von 110-140 Bpm relativ langsam. Als charakteristisch gelten "jazzige" Untertöne und sehr oft der Einsatz von "richtigem" Gesang. Gerade bei schwulen Partygängern ist House sehr beliebt. Das Durchschnittsalter des Publikums liegt in der Regel etwas höher als das auf anderen Parties. Auf ein "freakieges" und teilweise auch edleres Styling legen die Besucher von House-Partys einigen Wert.

Ambient

Wenn es auf einer Techno-Party einen Chill-Out Bereich gibt, dann wird dort fast immer Ambient gespielt. Es ist eine sehr ruhige Musik, bei der in vielen Fällen überhaupt keine durchgehende Basslinie enthalten ist. Statt dessen werden viele angenehm und ruhig klingende Töne oder Passagen zu einer "Klangcollage" zusammengefügt, die in ihrer Art oft an meditative Musik erinnert. So eignet sie sich gut dafür, in Chill-Out-Räumen, die ja zur Erholung und Abkühlung der Party-Besucher gedacht sind, gespielt zu werden.

Bekannte Ambient-Projekte sind z.B. The Orb, KLF und The Future Sound Of London.

GOA-Trance / Techno

Diese Unterart von Techno ist nach dem Bundesstaat in Indien benannt, der schon seit langer Zeit für besondere Parties am Strand oder im umliegenden Regenwald bekannt ist. Unter den Besuchern von Goa-Parties kann man oft Verweise auf die Hippie-Generation finden. Dies fängt bei der Kleidung an, die oft an die Mode der siebziger Jahre angelehnt ist. Dies äußert sich auch an oft zu sehenden Schlaghosen, bunter Kleidung mit teilweise psychedelischen Mustern und langen Haaren der Besucher.

Die Goa-Musik ist in ihrer Art ziemlich eingängig, "tribal-ähnliche" Einflüsse sind genauso oft zu finden wie psychedelische Passagen in vielen Wiederholungen und Variationen. Meistens gibt es innerhalb der einzelnen "Tracks" einen akzentuierten Höhepunkt, der für den Hörer / Tänzer besonders energiereich herüber kommt. Auffällig auf Goa-Parties ist das im Gegensatz zu anderen Techno-Parties deutlich höhere Durchschnittsalter der Besucher und die geringe Verbreitung von teurer Kleidung mit Aufdrucken bekannter Hersteller. Des weiteren kann man eine klare Tendenz zum ungehemmten Einsatz von Drogen erkennen, wobei gerade LSD von vielen Besuchern favorisiert wird. Auch wird auf fast jeder Goa-Party Lachgas aus Druckbehältern verkauft, wozu ich leider keinerlei Literaturverweise gefunden habe.

Eine gewisse "Naturnähe" kann man in der Goa-Szene auch beobachten. Innerhalb der Techno-Szene gibt es keine Unterart, in der Freiluftparties auf Feldern, im Wald oder Steinbrüchen vorkommen. Dies kann man wohl auch als eine Art Reminiszenz an die Hippie-Bewegung sehen.

Die Techno-Parties

Es wäre falsch zu denken, eine Techno-Party bestände lediglich aus einer großen, leeren Halle, ein paar DJ's und einer Musikanlage. Diejenigen Veranstalter, die noch nicht vor dem Reiz des schnellen Geldes kapituliert haben und in die Organisation einer Party viel Zeit und Mühe investieren, beachten immer noch einen der Aspekte, die Techno zu dem gemacht haben, was er heute ist.

Um eine Techno-Party zu einem Gesamtkunstwerk werden zu lassen, müssen Flyer (postkartengroße Pappzettel) gedruckt werden, die auf die Party aufmerksam machen, also für sie werben. Die Dekoration der Halle muß geplant und realisiert werden, und die Zusammenstellung des Programmablaufs sollte stimmig sein, denn die Leute zahlen viel Geld für eine Party , und dementsprechend sollte auch der Gegenwert sein, den sie dafür bekommen.

Da langanhaltendes Tanzen eine kräftezehrende und schweißtreibende Angelegenheit ist, hat es sich auf Parties ziemlich schnell etabliert, einen Chill-Out Raum einzurichten, sofern es die räumlichen Gegebenheiten zulassen. Auf den Parties befinden sich zumeist sog."chill-out"-Räume, häufig mit Matratzen ausgelegt und "spacig" eingerichtet. In diesem Chill-Out ist es möglich, sich hinzusetzen, es wird vorwiegend Ambient gespielt (siehe Unterarten des Techno), und die Temperatur sollte ein bißchen niedriger als auf der Tanzfläche sein. Auf vielen Parties wird mittlerweile auch kostenlos frisches Obst angeboten, sicherlich eine gute Sache, angesichts der Eintrittspreise aber durchaus im Bereich des Möglichen.

Fast genauso wichtig wie die Musik ist eine gute Dekoration auf einer Party. Es werden auf die Musik abgestimmte Lichtanimationen verwendet, genauso wie Diaprojektionen und Videobeamer. Gerade auf diesen Punkt legt Hans Cousto vom Berliner Verein "Eve & Rave" sehr viel Wert. Er vergleicht eine Diskothek von der technischen Seite her mit einer "Großraummindmachine". Mindmachines sind technische Aufbauten in z.B. kleinen Zelten, in denen der Betrachter entspannt liegt und von allen Seiten mit visuellen und auditiven Reizen versorgt wird. Diese Reize wirken mit bestimmten Schwingungen und Frequenzen, die elektronisch durch einen Computer nach streng wissenschaftlichen Kriterien gesteuert werden, auf das Gehirn ein. Ziel dieser Mindmachines ist es, den Betrachter in kurzer Zeit in tiefe Entspannungszustände zu versetzen. Mindmachines werden in der Medizin angewendet, vorwiegend im Bereich der Sucht-und Schlaftherapie, genauso wie bei Meditationsübungen.

Techno, und vor allem die Parties, auf denen Techno gespielt wird, besteht nicht nur aus der Musik, wobei sie natürlich das ausschlaggebende Kriterium ist. Aber Licht, Sound und Rhythmus bestimmen die Stimmungen der Besucher mit. Und diese Faktoren bilden zusammen mit den teinehmenden TänzerInnen und dem DJ ein "multimediales Gesamtkunstwerk".

Der Ecstasy-Rausch ist bei diesen Veranstaltungen eingebettet in ein "Gesamtkunstwerk" aus Tekkno-Musik, Tanz, Laser- und Licht-show, Dekoration, Ambiente und stimulierenden Personen.

In letzter Zeit ist allerdings ein gewisser Rückgang bei Massenveranstaltungen zu erkennen, abgesehen natürlich von solchen Events wie der "Mayday"-Party in in Dortmund bzw. Berlin. Diese Party wird auch als die "Mutter aller Parties" bezeichnet Claus, C. in Rabes, M. / Harm, W., 1997, S.84). Dieser Rückgang hängt sicherlich mit der 1995 / 96 quantitativ stark angestiegenen Zahl von großen Raves zusammen, bei denen allerdings die Qualität des öfteren stark zu wünschen übrig ließ. In der jüngsten Vergangenheit betraten immer wieder regelrechte Abzocker das Feld, die für wenig Aufwand viel Geld verlangten und so den ehrlichen Veranstaltern das Leben schwer machten.

Eine Art Rüchkehr in die kleinen Clubs hat stattgefunden, die Raver scheinen mittlerweile lieber im "kleineren Kreise" mit 200-300 anderen zu feiern als auf Großveranstaltungen mit Besucherzahlen, die teilweise über 10.000 lagen. Auch in Bezug auf die "Mayday" mehren sich die Meinungen derer, die das ganze für eine rein kommerzielle Angelegenheit halten. Allerdings werden auch hier die Stimmen derer lauter, die ein abfallendes Niveau zugunsten eines höheren Profits befürchten."

Wer besucht Techno-Parties ?

Von dem typischen Techno-Publikum zu sprechen, ist wegen der Buntgemischtheit eines Party-Publikums eigentlich gar nicht möglich. Einer der am höchsten gehaltene Wert der Szene ist die Toleranz anderen gegenüber. Die Partygäste sind nach Alter, Bildungsstand, Abstammung und sozialer Schicht bunt durcheinander gewürfelt, und genau das macht die Szene aus.

Die Besucher von Techno-Veranstaltungen stellen gewissermaßen einen "Schmelztiegel" aller bisher dagewesenen Szenegruppierungen dar, die in der Musik gemeinsame Vorlieben gefunden haben (Tanz, Spaß, Ekstase) und diese im Techno ausleben können.

So wird es möglich, daß Skin-Heads, ehemalige Anhänger der Indie-, Punk-, Schwulen- und Ökoszene gemeinsam ein "Party-Imperium" aufbauen konnten. Während alle anderen Musikszenen eine Spezifizierung in Bezug auf die Verhältnisse, Probleme und Stimmungen der unmittelbaren Umwelt haben, ist Techno offen.

Eine der Hauptsachen ist es, kein Spießer zu sein, sondern auffällig und "abgefahren" angezogen zu sein. Und in kaum einer anderen Szene findet man eine dermaßen große Vielfalt von phantasievollen Outfits, die manchmal eher an Karneval erinnern, als an eine Party.

Die Party-Szene setzt sich überwiegend aus 16-22-Jährigen zusammen, aber es finden sich auch ältere Besucher, die Grenze nach oben ist eigentlich offen, Wirth führt hier als Beispiel Hans Cousto an, den 47-jährigen Mitarbeiter von "Eve & Rave e.V. und Verfasser des Buches "Vom Urkult zur Kultur". Sehr auffällig ist allerdings der große Anteil von unter 18-jährigen, die sich nach dem Jugendschutzgesetz noch gar nicht in Diskotheken oder Nachtclubs aufhalten dürften.

Die wenigsten der Techno-Fans sind in ihrem "Alltagsleben" sozial auffällig, die meisten befinden sich in funktionierenden sozialen Bezügen und gehen während der Woche zur Arbeit oder in die Schule. In der FAZ wird Techno als "die Musik vor allem weißer Mittelstandskids" beschrieben (ebd, 07.07.94). Dies ist vor dem Hintergrund der mit dem Besuch einer Party verbundenen finanziellen Aufwendungen gut nachvollziehbar. Bei einer größeren Party / Rave liegen die Eintrittspreise in einer Spanne von 25,- bis 50,- DM. Auch in einer Disko, in der Techno gespielt wird, muß der Besucher in der Regel höhere Eintrittspreise in Kauf nehmen, als in einer "normalen" Disko. Dazu kommen die Preise für Getränke, Drogen und eventuell noch passendes Outfit. So kommt man schnell auf Kosten für einen Abend, die ab mindestens 50.- DM, meistens aber zwischen 100,- und 150.-DM liegen (vgl. Wirth, N., 1996, S.50). Es wird deutlich, daß es sich finanziell schlechter gestellte Leute nicht leisten können, Techno-Parties zu besuchen.

Innerhalb der Szene ist jedenfalls keine Aussteigermentalität zu beobachten: "Die Anhänger sind keine abgewrackten 'Aussteiger' und sie verstehen sich auch nicht als solche. Stark vertreten sind Arzthelferinnen und Kaufleute, Versicherungsvertreter, Beamtenanwärter, Studentinnen, Krankenpfleger und Sprachenschüler." (Hurrelmann, K. in Magazin für die Polizei, 26, 1996)

Insgesamt gesehen kann man zwei Gruppen von Party-Besuchern ausmachen, wobei die Grenzen allerdings fließend sind. Zum einen sind es diejenigen, die sich zum großen Teil über Techno identifizieren, ihn gewissermaßen zu einem Lebensinhalt gemacht haben und sich der Szene zugehörig fühlen. Zum anderen gibt es Leute, die sich zwar nicht unbedingt mit der Techno-Kultur identifizieren und sich auch nicht als Raver fühlen, aber dennoch Techno-Parties besuchen und dort genauso viel Spaß haben wie die anderen, nur daß ihre Kontakte mit der Szene quantitativ weniger sind.

Helmut Ahrens, der sich mit den verschiedenen Techno-Szenen befaßt hat, ordnet die Berliner Szene von der Altersstruktur her zwischen 16 und 36 Jahren an. Der "harte Kern" indes, also Leute, die der Szene schon seit mehreren Jahren zugehörig sind, läge zwischen 20 und 26 Jahren. Das Verhältnis der Geschlechter sei freitag abends noch ziemlich ausgewogen, ändere sich aber, je weiter das Wochenende fortschreitet. Samstags bestände das Publikum nur noch aus einem Drittel bis einem Viertel aus Frauen.

Techno und Politik, Moral / Ideale der Techno-Szene

Über politische und moralische Werte innerhalb der Techno-Szene gibt es sehr viele verschiedene Auffassungen. Während einige Autoren in der Rave-Szene eine Fortsetzung revolutionärer Traditionen sehen (z.B. T. McKenna ), sprechen andere den Party-Besuchern jedes politische Bewußtsein ab und ordnen Parties in die Sparte "kollektives Wochenendvergnügen gelangweilter Mittelklassekids" ein. Auffällig in der Literatursichtung ist die Tatsache, daß auf der einen Seite Leute, die mit Techno zu tun haben, oder aktiv in der Szene tätig sind, sich auf eine positive Art und Weise zu solchen Fragestellungen zu äußern, während andere kein einziges gutes Wort für die Techno-Fans übrig haben. Im folgenden sollen erstmal Beispiele aus der Literatur gegenübergestellt werden, die zeigen sollen, wie weit die Meinungenauseinandergehen.

Einige Autoren sehen in der Techno-Szene eine Basis oder ein Potential für politische Veränderungen, so z.B. der weiter oben erwähnte T. McKenna: "I see the rave culture, developing here at the end of the 20th century, as the inheritor of all this energy - Modern art, Jazz, Rock and Roll, Dada. The whole antibourgeois impulse which began as an avatgarde agenda in the late 19th century is actually an impulse for cultural survival that is probably our last sane thought before we descend into the Apocalypse or something." (Interview in der Zeitschrift "Alternative Press", aus Krollpfeiffer, K., 1995, S.88).

McKenna erwähnt in diesem Kontext auch ein "archaisches Revival", das eine Basis für politische Veränderungen darstellen könnte (vgl.ebd., S. 88).

Autoren wie eben dieser McKenna nennen die Rave-Bewegung in einem Atemzug mit der "68-er Revolte" und ähnlichen revolutionären Jugendbewegungen, während andere die Szene für etwas gänzlich Unpolitisches halten. In dem bereits zitierten Artikel aus der FAZ vom 07.07.94 schreibt der Autor folgendes: "Nach Jahrzehnten, in denen Jugendbewegungen und Popmusik jeglicher Stilrichtungen ausnahmslos als Gegenkulturen verstanden wurden, deren Schicksal früher oder später unweigerlich in Kommerzialisierung und Vereinahmung mündete, hat Techno den einzig möglichen Weg gewählt, mit seinen Idealen nicht zu scheitern.Techno hat keine Ideale. Er hat keinen politischen oder gesellschaftskritischen Aspekt." (Spiegel, H., ebenda).

Es gibt einige kritische Stimmen wie diese, die den Techno-Anhängern jedes politische Bewußtsein absprechen und Techno-Parties als reines Fluchtphänomen sehen, in welches der Alltag in all seiner Eintönigkeit keinen Zutritt hat und anstelle dessen Drogen konsumiert werden, um sich nicht mit deprimierenden Gedanken rumschlagen zu müssen. Andere Autoren gehen sogar noch einen Schritt weiter und bezeichnen die Techno-Anhänger als Menschen, für die außer der Party gar nichts anderes von Wert ist: "Das Leben dieser Menschen [das der Techno-Anhänger, d. Verf.] beschränkt sich aufs Wochenende - oder wenigstens das, was sie als Leben bezeichnen und erleben. Für sie ist der Alltag eine Qual, die Arbeit ist frustrierend, die Arbeitslosigkeit beschämend.

Nur das Wochenende zählt, die Flucht aus dem Alltag, die Flucht in das, was als wirkliches Leben gilt. Diese Jugend ist maßlos, sie kennt keine Grenzen, die Flucht darf keine Minute zu früh zu Ende sein. Zu trist ist die Aussicht auf die nächste frustrierende Woche, die nur überstanden wird, weil auch danach wieder ein Wochenende folgen wird. Es gibt nichts mehr, was diese Menschen freut. Die Gesellschaft hat ihnen nichts mehr zu bieten. Sie leben nicht, sie existieren (...) es gibt keine Ziele, die locken, alles erscheint hohl und schal." (Rufer, M., 1995, S.229).

Ich könnte noch zwei weitere Seiten mit ähnlichen Zitaten dieses Autors füllen, aber anhand dieser Zeilen wird seine Meinungstendenz wohl schon mehr als deutlich. Nichts gegen freie Meinungsäußerung, aber eine Gruppe von Menschen, die zahlenmäßig in die Hunderttausende, wenn nicht sogar in die Millionen geht, halte ich nicht mehr für vertretbar sondern für äußerst unsachlich und diffamierend. Auch wenn die Anhänger der Techno-Bewegung nicht gerade die Politischsten sind, kann man wohl nicht soweit gehen und ihnen ein "Leben" absprechen und ihres nur als Existenz bezeichnen. Sachlicher sind da schon eher die Aussagen des Techno-Autors Patrick Walder, der schreibt :

"Außer in der Wahl ihrer Genußmittel unterscheiden sich die Raver kaum vom Rest der Gesellschaft. Die vielbeschworene Raving-Society ist so gesehen nicht viel mehr als eine Konsumgemeinschaft in der Konsumgesellschaft. In zwei nicht unwesentlichen Punkten unterscheidet sich die Rave-Szene aber doch von unserer Hau-rein-den-Schrott-Society. Erstens sind die Drogen ihrer Wahl illegal, und zweitens ist das Ziel des Konsums...ein exzessiver Rauschzustand, der bekanntlich mit den tragenden Stützen unserer Gesellschaft zu kollidieren droht: Arbeit, Disziplin und Nüchternheit zählen nicht gerade zu den Grundfesten der Raving-Society." (Walder, P. in Ecstasy: Prävention des Mißbrauchs, 1995, S.30).

Die Techno-Besucher unterscheiden sich also lediglich in ihrer Wahl der Drogen vom Rest der Jugendlichen? Nein, das alleine reicht nicht aus, um das Phänomen und die enorme Anziehungskraft dieser Party-Kultur zu erklären. Techno ist, vergleichbar mit der Hippie-Bewegung der 60er Jahre ein Lebensstil. Es ist eine Kultur, bei der das " Gut-drauf-sein" und das intensive Erleben unweigerlich dazugehören. Um dies zu erreichen, ist es allein mit einer Mischung aus spezieller Musik und speziellen Drogen nicht getan. Dazu gehört auch eine eigene Ästhetik in Farbe und Stil (siehe Szenezeitschriften "Frontpage" und "Raveline"), welche sich auch auf den sehr phantasievoll und individuell gestalteten Ankündigungen für Parties (eben die sog. "Flyer") bemerkbar macht. Typisch sind auch eine spezifische Kleiderordnung und ein spezielles Wertesystem. Zu diesem Wertesystem gehören vor allem Aspekte wie Toleranz, Offenheit, Ehrlichkeit und das schon erwähnte "Gut-drauf-sein". Negative Aspekte wie schlechte Laune, Niedergeschlagenheit, Angst oder Trauer sind auf einer Techno-Party nicht besonders gern gesehen (auf einer anderen Party wahrscheinlich genauso wenig). Die Toleranz wird innerhalb der Techno-Bewegung besonders hoch gehalten. Man hört immer wieder, daß dort kein Unterschied gemacht werde zwischen Schwulen, Lesben oder Heterosexuellen, daß es egal sei, woher jemand komme, oder welcher sozialen Schicht man angehört. Genauso unwichtig sei im Grunde genommen die politische Gesinnung, die Hauptsachen sind das Fröhlichsein und die Bereitschaft zum guten "Abfeiern". Dazu der schon weiter oben erwähnte DJ Westbam:

"Für uns ist die Raving Society eine eigene Welt mit eigenen Regeln und Strukturen, die 'allergeilste Form von Demokratie'. Für uns ist sie a higher community with a higher reality, mit einer eigenen Sprache und eigenen Feiertagen." (TAZ vom 25.11.94).

Ein Motto der Techno-Bewegung lautet "Leben und Genießen" (vgl. Spohr, B., in "Partner-Magazin", Juni/Juli 1995, S.11). Dazu gehört es, kreativ zu sein, fröhlich, schön, individuell und anders als alles andere. Wer sich gut in Szene setzen kann, wird dafür auch mit Applaus und Anerkennung bedacht, wer nicht durch besondere Verhaltensweisen auffällt, bleibt im Hintergrund und wird nicht weiter beachtet. Ist das nicht das exakte Übernehmen der Merkmale unserer Leistungsgesellschaft? Wer viel leistet, bekommt die gewünschte Anerkennung, wer scheitert, bleibt auf der Strecke? Die Gefahr einer Abwertung ist auch innerhalb der Szene groß. "Wer beim Klamottenkauf daneben gegriffen hat, wird an Tagen mit hohem Besucheraufkommen an den Türen der Clubs wieder abgewiesen oder erntet Stirnrunzeln und Kritik." (ebd., S.12).

Die Techno-Szene ist, wie Walder es behauptet, demnach vielleicht wirklich nur eine Konsumgemeinschaft in der Konsumgesellschaft, in der an den Teilnehmer genauso große Anforderungen bezüglich seiner Leistungsfähigkeit gestellt werden, wie in der "normalen" Gesellschaft. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die Techno-Gemeinschaft im Grunde genommen keineswegs als locker, offen, freundlich und vorurteilsfrei. Dazugehören, in die Party integriert zu sein, kommt nicht von allein. Es ist eine Ehre, die man sich erst verdienen muß. Bietet man einen interessanten Eindruck und verbreitet gute Stimmung, ist man ein Gewinn für die Party und wird akzeptiert. Letztlich ist die Szene also überaus leistungsorientiert. Vor alllem bei Jugendlichen stellt sich oft die Frage: "Bin ich okay?" In der Techno-Szene mit ihrem Kult der Selbstinszenierung lautet diese Frage: "Bin ich toll und brillant genug, um hier bestehen zu können?"

"Nur wer sich anstrengt, wer leistet, wer eine gute Show macht, bekommt die begehrte Anerkennung und damit für kurze Zeit das Gefühl, nicht nur gut, sondern sehr gut, brillant zu sein." (ebd., S.13).

Ich möchte es keineswegs dem Autoren Rufer gleichtun und die gesamte Techno-Szene über einen Kamm scheren, aber eine gewisse Tendenz zu der beschriebenen Leistungsorientiertheit ist meiner Meinung nach nicht von der Hand zu weisen.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Techno-Anhänger innerhalb der Szene recht klar definierte politische und moralische Grundhaltungen einnehmen, zu denen vor allem Toleranz, Akzeptanz, Offenheit und Friedfertigkeit gehören. Neueinsteiger müssen sich daran halten, wenn sie angenommen werden möchten. Vielleicht erscheinen Umwelt- und politische Probleme in ihrer Gesamtheit als zu groß, um gelöst werden zu können. Sich zu engagieren und dann erkennen zu müssen, daß das Engagement nicht ausreicht, um erfolgreich zu sein, ist desillusionierend. Deshalb läßt man es lieber und kann so auch nicht enttäuscht werden. In der heilen Party-Welt kann die Sehnsucht nach einem gemeinschaftlichen Miteinander in Frieden und ohne Aggressionen ausgelebt werden, und es ist gut denkbar, daß dieses Verhalten auch im "normalen" Leben positiven Einfluß auf das Sozialverhalten der Raver hat. Hierzu nochmals DJ WestBam in einer Reportage des ARD : "Eine Jugendbewegung, die authentisch sein will, muß von finalen Heilsbotschaften Abschied nehmen. Befreiung ist ein abstraktes Wort, ich z.B.würde niemals eine klassenlose Gesellschaft fordern. Eine ehrliche Musikbewegung kann so etwas nicht versprechen." (Cappelluti, N., ARD, 1996).

Die Party - Körperleistung und geistige Entspannung

Obwohl es wahrscheinlich für einen äußerst großen Teil der Bevölkerung unseres Landes auf ewig ein Rätsel bleiben wird, wie ein Mensch sich in einer Diskothek bei hoher Lautstärke, unter schlechten Luftbedingungen und dazu noch eingequetscht zwischen hunderten anderer Raver entspannen kann, wird dies doch vom Techno-Partybesucher ganz anders empfunden. Für ihn bedeuten diese Stunden ein Losgelöstsein vom (manchmal) langweiligen und grauen Alltag, Stunden, in denen er nicht über irgendwelche Probleme nachdenken will, sondern in den meisten Fällen zusammen mit seinen Freunden eine Party feiert.

" Der Besuch von Technoveranstaltungen kann für Jugendliche auch ein Mittel sein, belastende Alltags- und Streßsituationen bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben besser aushalten zu können. In diesem Fall wird die Technoparty zur Erholung (Rekreation) aufgesucht." (Cousto, H., 1995, S.43)

Nicht nur als Erholung wird das Party-Wochenende angesehen, sondern auch als Ausbruch aus dem "normalen" Leben, ein Kontrast zum Alltag. Neue Leute kennenlernen, sich locker und ungezwungen unterhalten, manchmal die ganze Nacht lang, oder einfach nur Tanzen, Spaß an der Bewegung haben, schwitzen und Lachen, das sind im Allgemeinen die Intentionen der Raver, wenn sie eine Party besuchen.

In unserer heutigen Gesellschaft der Massenmedien, Mobiltelefone, Faxmodems und Datenhighways werden die Menschen mit Informationen und Sinneseindrücken geradezu überschüttet. Eine ständige Präsenz, diese Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten wird von praktisch jedem erwartet. Die menschliche Verarbeitunskapazität ist jedoch schon seit längerem überlastet. Um diese wieder zu entlasten, so meinen viele Party-Gänger, biete sich ein wöchentlicher Intensivurlaub in Form einer Party geradezu an. Dort könne man die angestauten Spannungen, die aufgebauten Aggressionen wunderbar "wegtanzen" und sei nicht dem allgegenwärtigen Druck unserer heutigen Leistungsgesellschaft ausgesetzt. (vgl. Zeitschrift "Highlife", 1/97, S.39).

Die Frage, die sich daraufhin stellt, ist die, ob bei einer Techno-Party nicht mindestens die gleichen Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des Besuchers gestellt werden, wie im "normalen" Leben auch. Es fängt doch schon beim Türsteher an: Wer nicht "stilecht" gekleidet ist, hat des öfteren Probleme, überhaupt hereingelassen zu werden, besonders in Clubs, die etwas "auf sich halten". Generell scheint die passende Kleidung ein wichtiger Punkt innerhalb der Szene zu sein. Wie bereits oben beschrieben, ist die Szene keineswegs so tolerant, wie es oft behauptet wird, und erscheint jemand in Szeneuntypischer Kleidung, so wird er mit Sicherheit bemerken, daß viele andere ihn etwas verstört angucken werden. Ein weiterer Punkt ist der, daß die Clubs ihre Türen in der Regel gegen 23 Uhr öffnen, die Party aber erst ab ca.2 Uhr in der Nacht richtig losgeht und dann meistens bis in die frühen Morgenstunden oder noch länger andauert. Hier ist die Leistung durchzuhalten gefordert, wer schon um 3 Uhr nach Hause geht, ist ein Schlappmacher, er verpasst ja das Beste.

"Die Raves, auf denen Ecstasy konsumiert wird, sind zum Erlebnis- und Abenteuerersatz für junge Menschen in der Großstadt geworden. Gut drauf sein ist das Ziel, und durchmachen muß man, vor allem nach Einnahme der Pille." (Wilkens, W., 1995, S.68)

Kein Wunder, daß angeblich energiesteigernde Getränke wie "Red Bull" oder "Flying Horse" gerade in der Techno-Szene ihren größten Absatzmarkt haben. In Anbetracht dieser Tatsachen ist es eigentlich auch nicht verwunderlich, daß die Besucher zu Drogen greifen, um durchzuhalten und um nichts zu verpassen.

"Da die langandauernden Tanz- und Technoparties dem Körper einiges abverlangen, achten die Raver auf körperliche Fitneß. Häufig wird der körperlichen Leistungsfähigkeit mit Hilfe der (...) stimulierenden Drogen wie Ecstasy und natürlichen Koffeinen wie Guarana oder teuren Koffeinpräparaten (...) nachgeholfen." (Schroers, A., 1996, S.66)

Zwar wiederholen sich in der Szene oft Formulierungen und Aussagen wie "es geht auch ohne Drogen", aber "meist siegt auch bei selbsternannten Rave-Gurus, und vor allem bei kalkulierenden Veranstaltern und nüchternen DJs, die Einsicht, daß die Raves ohne Drogen spätestens um sechs Uhr morgens zu Ende wären. Ohne Drogen keine Marathonfeier." (vgl Walder, P. in Ecstasy-Prävention des Mißbrauchs, 1995, S.32).

Natürlich kann niemand behaupten, daß 100% der Besucher einer Party unter dem Einfluß einer Droge stehen oder daß man nur "zugedröhnt" stundenlang zu Techno tanzen könne. Ecstasy ist nicht Voraussetzung, aber schon ziemlich stilprägend für die Techno-Kultur. Und die Leistungsanforderungen an den Party-Teilnehmer werden durch den Ecstasy-Gebrauch noch erhöht. Eine Person, die nüchtern eine Party besucht, kann dies wenigstens noch zur "Entschuldigung" anbringen, wenn sie früher als andere nach Hause möchte, aber jemand, der Ecstasy genommen hat, "kann" eigentlich nicht vor sechs Uhr auf die Idee kommen, den Club verlassen zu wollen.

Ähnlich verhält es sich mit der Stimmung eines Einzelnen. Schlechte Laune oder gar Mißmut auf einer Party sind ganz und gar nicht angesagt. Wie im Kapitel "Politische und moralische Werte und Ideale der Techno-Szene" bereits beschrieben wurde, wird an den Party-Gänger die Leistungsanforderung gestellt, gut drauf zu sein. "Ein unglücklicher Raver stellt in sich ein Paradoxon dar. Man muß mitmachen und eine Party der Superlative feiern, oder diese mindestens wie einen Orgasmus vortäuschen." (Zeitschrift Highlife, 1/97,S.40).

Obwohl diese Worte nicht ohne einen leicht ironischen Unterton geschrieben wurden, ist mit Sicherheit etwas dran am Paradoxon des unglücklichen Ravers. Aber wo bleibt die Entspannung, wenn ich mich unter den Druck gesetzt fühlen muß, unbedingt gut drauf sein zu müssen?

Aber auch die Veranstalter sind inzwischen in Zugzwang geraten, jede Party muß noch besser sein als die letzte, reine Wiederholungen eines Konzepts sind nicht gefragt: "Die Partys haben Extase auf dem Programm. Das Angebot an technischer Ausstattung und Effekten wird ständig überboten, jede Party soll ein Riesenspektakel sein, von dem man noch lange spricht: 'Der Aufwand stellt alles, was es bisher in der Geschichte von Mayday und Partys überhaupt jemals gegeben hat, in den Schatten: 250 Tonnen Licht und Ton, 500.000 Watt Sound, 200 Techniker, eine Woche Aufbauzeit...' tönen die Veranstalter in der TAZ vom 25.11.94....müssen sich mit jedem neuen Mayday-Mega-Rave selbst übertreffen. Teurer, lauter, bunter: Zur Ehre des Maschinenrhythmus werden keine Mühen gescheut. Jeder Mayday ist deshalb der größte Rave aller Zeiten, für jeden Mayday liegt die Latte etwas höher." (Spohr, B., 1995, S.10).

Die Veranstalter sollten sich meiner Meinung nach einmal vergegenwärtigen, in was für einen Kreislauf sie hineingeraten sind und sich fragen, ob weniger nicht manchmal mehr ist.

Zu Techno tanzen - oder “die Seele baumeln lassen”

Fast alle Stile von Techno, abgesehen vielleicht von Ambient und, mit Abstrichen, Trance, sind durch ihren durchgehenden und antreibenden 4/4-Rhythmus wie geschaffen, um dazu zu tanzen. Eine Techno- Party ohne eine sich auf der Tanzfläche bewegende Menge ist eigentlich nicht vorstellbar. Um sich vorzustellen, was Techno- Musik für eine Wirkung auf Körper und Geist hat, muß man in der Lage sein, sich darauf einzulassen. Schafft man dieses nicht, empfindet man Techno wohl eher als undefinierbaren Lärm und weniger als Musik. In diesem Kapitel soll beschrieben werden, was die Faszination des Tanzens in Verbindung mit Techno ausmacht. Kurz und knapp ausgedrückt kann auf einer Party die Musik zusammen mit den anderen Sinneseindrücken, die hier zu erfahren sind, den Raver beim exzessiven Tanzen in Trance- und Rauschzustände versetzen. Drogen wie Ecstasy werden u.a. dazu benutzt, diese Rauschzustände schneller auftreten und das Tanzen noch intensiver werden zu lassen. Die Verbindung von Musik und Tanz, mit der Intention, bestimmte Trance- oder Rauschzustände zu erlangen, reicht weit in die Geschichte der Menschheit zurück. In seinem Buch "Vom Urkult zur Kultur" nennt H. Cousto einige Beispiele von Volksgruppen oder religiösen Vereinigungen, die durch das Zusammenspiel von Tanz und Musik (oft kamen auch Drogen dazu) andere Bewußtseinszustände hervorrufen wollten. Er nennt Schamanenmusik, Derwischtänze, Sufiorden und Gregorianischen Gesang als Beispiele für diese zumeist religiös inspirierten Gruppen. Allen gemeinsam war die Benutzung derselben musikalischen Mittel : Rhythmus, Wiederholung und oftmals eine Steigerung des Tempos (vgl.ebd., 1995, S.46-52).

Techno-Tänzer berichten oft davon, daß sie nach einiger Zeit des Tanzens die Musik fast ebensogut fühlen wie hören könnten, und obwohl es der Bass ist, der die Tänzer anreibt (vgl. Ahrens, H., 1993, S.91), liegt dies nicht nur an dieser vorherrschenden Frequenz. Ahrens erklärt, daß zum einen das vegetative Nervensystem durch die Hochgeschwindigkeit des Beats, zum anderen die Psyche durch Klang - und darauf abgestimmte Lichtcollagen- beeinflußt werde.

"Die technisch erzeugten Licht-und Schallwellen und die synthetischen Rhythmen der Technomusik durchdringen mit ihrer Impulsdichte und Hochfrequenz den lebenden Organismus ganz und erzeugen im wesentlichen den "Kunstraum"." (Ahrens, H., 1993, S.33).

Da eine Wirkung von Ecstasy die Steigerung des Berührungsempfinden ist, ist es durchaus vorstellbar, daß der Eindruck, die Musik spüren zu können, dadurch noch verstärkt wird.

Viele Tänzer empfinden das stundenlange Tanzen als eine körpelich-sinnlich-seelische Verbindung, die als Befreiung und Ablenkung angesehen wird. Dahinter steht oftmals der Versuch, eine Einheit zwischen Körper, Seele und Geist zu finden. Ahrens bezeichnet diesen Effekt der Entspannung bei gleichzeitiger Bewegung "Entspannungsekstase" (ebd., S.33). Interviewpartner von Ahrens sagen, daß das Tanzen ihnen helfe, sich von Affektstauungen, Alltagsfrust und spezifischen Alltags - und Lebensängsten zu befreien und sie die Zeit vergessen ließe (vgl. ebd., S.96).

"Techno ist eine nichtaggressive Musik, sagt Valerie, auch wenn viele das Gegenteil behaupten würden. Sie peitsche nicht auf, sondern baue Aggressionen ab. Tanzen sei Trance und Leistungssport zugleich, nachher bist du erschöpft, ausgelaugt, aber zufrieden." (Saunders, N., 1994, S.272).

Bestätigt wird dies auch von den Gesprächspartnern K. Krollpfeiffers: "...dieser Rhythmisierungseffekt, was die Musik angeht (...) Diese Umsetzung der Musik in Tanzbewegungen funktioniert auf 'ne ganz außergewöhnliche Weise..." (Krollpfeiffer, K., 1995, S.167).

Techno- Parties scheinen auch insofern ein guter Platz zum Tanzen zu sein, weil jeder im Grunde genommen machen kann, was er möchte. Der Unterschiedlichkeit der Tanzstile sind keine Grenzen gesetzt, manche stehen eher auf der Stelle und bewegen nur ihre Arme, andere laufen beim Tanzen durch die Gegend, und wieder andere springen auf und ab.

"Das Tanzen auf den Raves (oder House-, Technoparties) ist berührungsfrei, es sind keine festgelegten Tanzstile auszumachen. Aus Platzgründen werden oft die Arme in die Luft gehoben." (Schroers, A., 1996, S.65).

Gleichzeitig Drogen zum Tanzen zu gebrauchen, ist zwar weit verbreitet, aber um die ekstatischen Erfahrungen beim Tanzen zu machen muß man nicht unbedingt Drogen nehmen: "Du kannst das Erlebnis [des exzessiven Tanzens, d.Verf.] nicht haben ohne die Musik, aber du kannst das Erlebnis haben ohne die Droge." (Krollpfeiffer, K., 1995, S.205).

Allerdings sind Techno-Parties der ideale Rahmen für Ecstasy, "bspw. um einen Zustand wie Trance oder Ekstase zu erfahren." ( Schroers, A., 1996, S.65) H. Cousto beschreibt das Gefühl des Tanzens auf Parties folgendermaßen: "Der Beat und der Sound treiben einen auf die Tanzfläche und schon befindet man sich in einem ganz neuen Energiefeld, jenseits von Logik und Verstand, hüpfend und tanzend bis einem der Schweiß in großen Tropfen auf der Haut herunterperlt, mit allen anderen im Gleichklang tanzend und tobend bis zur völligen Ekstase." (Cousto, H., 1995, S.42).

Außer der Drogenwirkung gibt es aber noch andere Aspekte, welche den Tänzer das Tanzerlebnis rauschähnlich empfinden lassen. Man kann das Tanzen mit sportlichen Betätigungen wie z.B. dem Langstreckenlaufen vergleichen. Bei Marathonläufern bspw. werden nach einer bestimmten Zeit körpereigene Drogen ausgeschüttet, die sog. Endorphine. Diese Endorphine bewirken, daß der Sportler bzw. der Tänzer die Anstrengungen der körperlichen Betätigung nicht mehr so stark bemerkt, eine Art des Rauscherlebnisses wird empfunden (vgl. Wirth, N., 1996, S.54). Die auf die Musik hin abgestimmten Lichteffekte, zuckende Stroboskop-Strahler, verbunden mit der hohen Lautstärke auf Raves verursachen eine Art Reizüberflutung. Nach Rufer wirkt eine Reizüberflutung genauso wie Reizentzug. Die Methode des Reizentzugs wird in der Psychotherapie angewendet, um beim Patienten außergewöhnliche Bewußtseinszustände hervorzurufen. Einige Effekte dieser Reizentziehung gleichen von ihrer Wirkung her denen von Ecstasy oder auch von anderen Halluzinogenen. Auch der Schlafentzug, der oft mit dem Besuch von Techno-Parties einhergeht, tendiert von seinen Auswirkungen her in diese Richtung.

Hat Techno einen religiösen Aspekt ?

Einige Techno-Liebhaber vergleichen die ekstatischen Erfahrungen, die auf Parties gemacht werden können, mit religiösen Erfahrungen. Auch einige Autoren, unter ihnen besonders Cousto, gehen auf dieses Thema näher ein. Cousto schreibt u.a., daß Techno es durch seine konsequente sequenzielle Struktur ermögliche, einen Zugang zu Bereichen zu bekommen, die den materialistischen und naturwissenschaftlichen Denkweisen verschlossen blieben, und daß diese Erlebniswelten jenseits alle klassischen abendländischen Kultur und der Kunst bekannten Muster lägen.

Er zieht Parallelen zwischen Techno und Religion, indem er den Plattenteller mit Gebetsmühlen gleichsetzt, die Diskothek als einen Tempel sieht und den DJ mit einem Priester vergleicht (vgl. Cousto, H., 1995, S.42).

Des weiteren setzt er die Regelmäßigkeit, mit der Raver zu Parties gehen, genauso wie die Wochentage, nämlich Samstag und Sonntag, mit dem Verhalten von Kirchengängern gleich. Auch das Tragen bestimmter Kleidung und das gemeinsame Zelebrieren eines Rituals zeige Ähnlichkeitem zwischen der Kirchen- und der "Techno"-Gemeinde.

"Wem die heutige Kirche zu rational geworden ist, der kann im Techno-Tanz-Tempel mystische, visionäre und ekstatische Erfahrungen mit anderen Menschen sammeln. So wie einst die Kirche für die meisten gläubigen Menschen ein Zentrum des gesellschaftlichen Lebens war, so ist heute der Techno-Tanz-Tempel der zentrale Treffpunkt der Technoliebhaber." (Cousto, H., 1995, S.42). Zwar mag es einige Technoliebhaber geben, für die das Besuchen von Parties den gleichen Stellenwert hat, wie für andere der Gang zur Kirche, doch halte ich diesen Vergleich für etwas weit hergeholt. Die Hauptintention der Party-Besucher ist doch wohl eher hedonistischen Charakters, und religiöse Ansprüche kann man meiner Meinung nach, wenn überhaupt, nur selten finden.

Viele Leute sehen im DJ eine Verkörperung eines Priesters, weil die Raver zu ihm heraufschauen und er den Takt angibt, doch die Konstellation Zuschauer-Musiker kann man seit Jahrzehnten auf jedem Rockmusik-Konzert antreffen, und dort hat man noch nie etwas von einem solchen Vergleich gehört.

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